Hamburgs unerwähnte Heldinnen

Der Rauch drückt auf die Lunge.
Ein paar Hundert Meter weiter sieht man Flammen in die Höhe schnellen. Es stinkt nach Gummi. Der schwarzgekleidete Mann neben mir lehnt an einer Laterne und betrachtet geduldig das Ende der Straße. Er hat eine leere Bierflasche in der Hand, ein Tuch über die Nase gezogen, trägt eine Basecap.
Es knallt in weiter Ferne. „Macht Platz“, schreit eine Männerstimme durch die Menge. „Geht aus dem Weg“, ruft ein anderer.
Durch die Gasse, die die Menschen bilden, erkenne ich ein junges Mädchen, das von zwei kräftigen Männern gestützt wird. Sie wirkt apathisch, weggetreten. Als sie näher kommt, blicke ich in ihr Gesicht. Blut läuft ihr aus dem Mund. Ihr fehlen Zähne.
Die Männer schleifen sie an mir vorbei und verschwinden in der Menschenmenge hinter mir.
„Wir müssen jetzt echt gehen“, sagt M. Ich sehe sie an und kann nicht antworten.

Eigentlich wollte ich nicht nach Hamburg. Ich war die letzten beiden Wochenenden erst im Norden zu Besuch und so langsam sollte ich meine Zeit wieder in die Uni, und mein Geld in etwas Vernünftiges investieren. Es wäre schon cool, an den G20-Protesten teilzunehmen, gute Gründe dafür gibt es nach meiner Auffassung genug. Doch ich bin ein recht bequemer Demonstrant. Lieber lokal, leicht erreichbar, günstig.

Bereits seit Wochen entnehme ich den Medien, dass es viele gewaltbereite Proteste geben soll. Die Kommentare unter den jeweiligen Facebookposts lesen sich ausschließlich wie eine unumstößliche Kategorisierung der G20-Demonstranten. Wer nach Hamburg fährt, um zu demonstrieren, ist ein linker Spinner ohne Job und Perspektive, mit verblendetem Weltbild. Punkt.

Das macht mich wütend. Das Grundrecht zur Versammlungsfreiheit, zum friedlichen Protest, ist eine der wertvollsten Errungenschaften unserer Zeit. In Zeiten von Machthabern wie Erdogan und Putin, die im eigenen Land massiv gegen Kritiker vorgehen, sollte es umso mehr verteidigt und gelebt werden – erst recht, wenn diese es live miterleben können. Doch die Stimmung in den Medien, und damit in den Sozialen Netzwerken, ist längst eine andere. „Zeckenpack“, „Schmarotzer“, „Sollen lieber zur Arbeit gehen, als auf die Straße“.

Ich musste hin. Ich musste es für mich tun, um mir zu beweisen, dass es eben auch produktiv und friedlich geht. Dass das Recht zum friedlichen Protest immer noch von Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen wird, die ihre Stimme erheben. Ihr Gesicht zeigen. Die bestehende Strukturen kritisieren und den daran Verantwortlichen die Alternativen entgegenbringen. Ich teile meinen Kommilitonen also mit, am Wochenende wieder nicht für die Gruppenarbeit zur Verfügung zu stehen, sondern stattdessen nach Hamburg zu fahren. Im Campusradio sage ich meinen für Freitag geplanten Beitrag ab, biete im Gegenzug an, kommende Woche als Interviewpartner für das Thema zur Verfügung zu stehen. In der Redaktion drückt man mir ein Aufnahmegerät in die Hand. „Vielleicht bekommst du ja gutes Material“.

Freitag, 17 Uhr, St. Pauli

Auf dem Friedensfest am Spielbudenplatz herrscht ausgelassene Stimmung, Menschen aller Altersklassen tanzen und feiern. Von Ärger weit und breit keine Spur. Vorhin haben zwei Wasserwerfer für ein paar Minuten auf der Reeperbahn gestanden, sind aber weitergefahren, als sie sahen, dass es auf dem Fest keinen Ärger gibt und die gesuchten Randalierer bereits weitergezogen waren. Die Freundin meines Bruders, M, möchte unbedingt nochmal gucken, was im „Karoviertel“ los ist. Mein Bruder und ich nicken uns zu und bewegen uns an den tanzenden Türmen vorbei, Richtung Budapester Straße. Eine Hundertschaft versperrt uns den Weg, Wasserwerfer treiben einen Mob auf der Hauptstraße gen Norden. Wir warten einige Minuten, bis die Polizei im Laufschritt den Wasserwerfern folgt und den Übergang frei gibt. Es sind normale Szenen an diesem Tag. Immer wieder kommt es vor, dass Straßen versperrt sind und Polizisten niemanden passieren lassen.

Wir entschließen uns, nicht den Polizisten Richtung Stadion zu folgen, sondern einen Umweg zu gehen und kommen nach einem kleinen Spaziergang im Karolinenviertel an. Es ist fantastisch hier. Überall sitzen Leute herum und essen, unterhalten sich miteinander. Sie spielen Tischtennis, ein Vater wippt mit seinem Sohn. Große Banner hängen überall, auf denen in den verschiedensten Formen Protest gegen den G20-Gipfel ausgedrückt wird. Keine Polizei weit und breit, keine Randalierer, friedlicher Protest.

„Respect the people“. Im Karoviertel spielen sie Tischtennis…
…oder wippen.

Wir schlendern durch die bunte Szenerie, bis wir am Knust ankommen, einer Bar mit recht gemütlichem Außenbereich. Unter dem Motto „More Drums Less Guns“ performen auf dem Vorplatz einige Straßenkünstler. Sie trommeln auf allen möglichen Gegenständen herum.

„More Drums Less Guns“. Straßenkünstler protestieren musikalisch gegen Waffen.
Aufnahme aus Richtung Feldstraße. „Bunte Zone“ hängt an dem Bauzaun, der als Instrument herhält.

Es ist geil. Die Stimmung ist geil, die Performance ist geil, wir haben eine ganze Weile Spaß und ich entschließe mich dazu, einen Facebookpost abzusetzen, in dem ich stolz zur Schau stelle, wie friedlich der G20-Protest ablaufen kann. In den Kommentaren wird mir gedankt, die Proteste entgegen vieler Medienberichte auch mal von dieser Seite darzustellen. Auftrag erfüllt.

„Lasst uns gehen, morgen wird ein langer Tag“, sagt M. Sie hat Recht, die große internationale Demo ist für morgen 11 Uhr angesetzt, um 13 Uhr soll sich die Masse von erwarteten 50.000 bis 100.000 Menschen in Bewegung setzen und fast bis zu den Messehallen laufen. Da wir nach Altona müssen, entschließen wir uns durch die Schanze zu laufen und uns zum Abschluss noch von dort einen Eindruck zu machen.
Als wir uns von Osten nähern wollen, versperren wieder Polizisten den Weg. Die Ludwigstraße und die Schanzenstraße Richtung Süden sind gesperrt. Wir beschließen weiter nördlich unser Glück zu versuchen und die Susannenstraße ist noch offen. Es ist etwa 20:30 Uhr, wir wollen schnell nach Hause, die Dämmerung hat eingesetzt.

Schon beim Betreten der Susannenstraße stinkt es nach Gummi. Irgendetwas brennt in der Nähe, aber unser Heimweg ist jetzt festgelegt und wir wollen nach Hause, nicht noch einen Umweg nehmen. Es sind viele Vermummte in der Straße. Nur wenige Leute sind normal gekleidet, einige tragen Helme, auf denen „TV“ oder „Presse“ steht. Als wir uns der Kreuzung Susannenstraße/Schulterblatt nähern, entdecken wir eine Barrikade unmittelbar vor der Roten Flora. Steine, Mülleimer und Holz sind aufeinander geschüttet, drumherum stehen Randalierer und einige Schaulustige. Mir wird unwohl. Beim Betreten der Kreuzung blicke ich Richtung Süden, das Schulterblatt hinunter, und bekomme Gänsehaut. Hunderte Menschen drängen sich in der Straße, die nach etwa 300 Metern einen Knick macht. Es qualmt gewaltig, Feuer ist zu sehen. Mein Bruder, der schon den ganzen Tag bildlich festgehalten hat, zückt seine Kamera.

Schulterblatt, von der Kreuzung Susannenstraße aus

Ich habe etwas Angst um ihn, befürchte, dass einer der Vermummten ihm die Kamera entreißt, aber ich kann ihn nicht davon abhalten die Situation festzuhalten. Ich stelle mich an eine Ampel, rechts von der Kreuzung und sehe das Schulterblatt hinunter. Ein Knall vom Ende der Straße. Neben mir an der Ampel lehnt ein Vermummter mit Bierflasche in der Hand. Er blickt mich kurz an und ich sehe ihm in die Augen. Ich gehöre hier nicht hin, trage immerhin eine kurze Hose und ein blaues Shirt. Er mustert mich lange, wendet sich aber wieder ab und blickt geduldig die Straße hinunter Richtung Feuer. M sagt, wir sollten langsam weitergehen. „Hast du mein Aufnahmegerät?“, frage ich. „Mach schnell“, sagt sie, nachdem sie in ihrer Tasche gekramt hat und mir das kleine Mikro in die Hand drückt.

Bevor ich es einschalten kann, wird das blutende Mädchen an mir vorbeigetragen. Ich sehe ihr hinterher und kann mich nicht vom Fleck bewegen. Die Anspannung ist enorm, ich weiß, dass ich hier weg muss, aber ich will auch bleiben, ich will es sehen, ich will verstehen, was hier vor sich geht.

„Wir müssen jetzt echt gehen“, sagt M. Ich sehe sie an und kann nicht antworten.

Ich schalte das Mikro an und halte es in die Luft. Ein Vermummter kommt auf mich zu.

„Was machst du da?“
„Ich arbeite fürs Radio, will die Atmo einfangen“.

Er sieht mich kurz an und geht kommentarlos weg. Neue Aufnahme. Bitte keiner reinreden.

Plötzlich: Ein Knall. Direkt neben mir. Ich schrecke zurück, viele der Vermummten und Zuschauer ebenfalls. Es ist dieser kurze Moment, in dem man sich umsieht und angespannt darauf wartet, dass irgendjemand irgendetwas macht. Laufen wir los? Verfallen wir in Panik? Ein schwarz gekleideter Mann läuft neben mir lang und sagt, dass wir Ruhe bewahren sollen, es sei nur ein Knaller gewesen. „Ruhe bewahren“. Alter, was stimmt nicht mit dir? Fassungslos stoße ich Luft durch meine Nase. Mist. Hat mir das jetzt die Aufnahme versaut?

 

 

„Bitte, lasst uns gehen!“, sagt M, der die Anspannung jetzt deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Wir setzen uns in Bewegung, wollen Richtung Juliusstraße, raus aus dem Mob. Doch dann sehe ich etwas, dass mich zurückhält. Eine junge Frau mit Fahrrad, die so gar nicht in die Szenerie passt. Ich rufe meinen Bruder zurück, nehme seine Kamera und signalisiere der Frau, dass ich sie fotografieren möchte. Sie willigt ein.

Hamburg bleibt bunt. Eine Frau steht in einer Barrikade vor der Roten Flora, hält ihr Fahrrad mit Kindersitz.

Sie steht einfach da. Sie steht da und trotzt dem explosiven Gemisch aus Gewaltbereitschaft und Gummigestank, der die Luft spürbar füllt.

Wieder knallt es, dieses mal unten an der Straße. Ich kann nicht genau erkennen was da los ist, doch es wirkt in diesem Moment enorm bedrohlich. Ein Gefühl, dass ich noch nie bei einem meiner vielen Besuche in Hamburg hatte. Ich folge meinem Bruder und seiner Freundin, die bereits ein paar Meter weiter weg sind. Etwa 10 Meter weiter sehe ich eine andere junge Frau. Sie trägt ein weißes Schild, auf dem in rot „Liebe Liebe“ steht. Ich frage sie, warum sie hier ist.
„Guck es dir an, hier fehlt eindeutig Liebe“, antwortet sie. Ein Mann kommt auf sie zu, nimmt ihre Hand für das Foto und küsst sie.

„Hier fehlt eindeutig Liebe“

Ob sie jetzt auch gehe, weil es zu brenzlig werde, will ich wissen. Ob sie denn gar keine Angst habe. Sie grinst mich an. „Wir gehen jetzt lieben“, sagt sie und verschwindet Hand in Hand mit dem Mann.
Wieder Knaller, es ertönen Parolen. „Anti – Anti – Capitalista“. Ich will mein Aufnahmegerät anmachen, doch sehe erneut eine junge Frau, die ebenfalls mit einem Fahrrad in meine Richtung kommt. Ich lasse das Mikro stecken und halte die Kamera auf sie.

Friedlicher Protest gegen die Zerstörungswut.

Was sind das für junge Frauen, die sich hier aufhalten? Ich komme nicht dazu mehr Informationen zu bekommen, denn die Lage scheint sich weiter zuzuspitzen. Viele Menschen verlassen nun das Schulterblatt und kommen in meine Richtung. Ich muss auch weg.

Die Parolen werden durch immer lautere Knallgeräusche mit kürzeren zeitlichen Abständen begleitet. Ein halbes Dutzend Reporter mit Helmen läuft an mir vorbei auf die Kreuzung zu, von der alle anderen Schaulustigen nur noch weg wollen. Was denen wohl gerade durch den Kopf geht, frage ich mich.
Ich blicke nach vorne und sehe meinen Bruder nicht mehr. Laufe los, die Juliusstraße hinunter und finde ihn und M ein paar hundert Meter weiter. Sie liegen sich in den Armen. Wir fliehen gemeinsam über die Lippmannstraße nach Hause, fühlen uns sicherer, je mehr Abstand wir zur Roten Flora gewinnen. Fast zu Hause, sehe ich einen Kleintransporter, aus dessen Radkasten Flammen kommen. So richtig sicher scheint man in dieser Nacht nirgends zu sein.

Als wir in Altona ankommen und die WG betreten, macht sich ein komisches Gefühl breit. Die Anspannung legt sich und ich begreife noch nicht recht, was ich eben gesehen habe. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, öffnen jeweils ein Bier und verfolgen schweigend den Livestream vor dem Laptop, grübelnd, über das eben gerade Miterlebte. Ein Reporter steht vor einer brennenden Barrikade. „Lage im Schanzenviertel eskaliert“. Ich sehe nicht hin, checke meinen Twitter-Feed. Alle kotzen sich aus, über die Chaoten, die Polizei, die Politik. Ich nicht. Ich denke als einziger an die Heldinnen Hamburgs.


 

Alle aufgeführten Medieninhalte © Tom Kraftwerk

Ein Gedanke zu „Hamburgs unerwähnte Heldinnen

  1. GüMU Antworten

    Sehr interessanter Bericht!

    Das Karo-Viertel ist im Grunde immer so, mit und ohne G20, nachdem die Schanze inzwischen bevölkert ist von denen, die es sich leisten können, ist der alte Schanzenflair z.T. ins Karo-Viertel abgewandert.

    Die Beschreibungen der Erlebnisse in der Schanze haben eine sehr angenehme subjektive Note, ohne Anspruch auf Objektivität, ohne Neutralität.
    Das Ausmaß der Gewalt übersteigt die üblichen Protestchen am ersten Mai, am Schanzenfest oder wenn Dudde mal wieder eine Demo knüppeln lässt. Seit Hannover 1995 sollte aber auch die Polizei im Norden mit derartigen Schlachten vertraut sein.

    Was wirklich störend ist, sind Menschen, die sich als Krawalltouristen durch Viertel wie die Schanze ziehen und sich dann wundern, wenn’s knallt, die sich selbst in Gefahr bringen, in Situationen, die sie nicht im Mindesten einschätzen können, einfach nur weil es cool ist, mal bei brennenden Barrikaden vorbei zu laufen.

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