Was ist eigentlich gute Bildung?

Ich war heute auf einer Wahlkampfveranstaltung der FDP. Der Spitzenkandidat war im Lenkwerk in Bielefeld zu Gast und hat über sein Wahlprogramm gesprochen.

Ich gehe gerne auf Wahlkampfveranstaltungen politisch Andersdenkender, weil ich glaube, dass man sich am Diskurs beteiligen muss. Es bringt nichts, sich nur die Argumente anzuhören, die man hören will. Die Filterbubble beschränkt sich halt nicht nur aufs Internet. Also gab ich Herrn Lindner heute die Möglichkeit, mich zu überzeugen. Film ab:

Geiler Typ, Geile Ansichten, viel Jubel

Ich muss sagen, die Veranstaltung hat mich positiv überrascht. Schon am Anfang gab ich Lindner viel Zustimmung, beispielsweise als er erzählte, dass er auf dem Weg nach Bielefeld im ICE nicht ein Telefonat ohne Unterbrechung führen konnte. Jeder weiß um den Zustand der Netzabdeckung und jeden kotzt das an, absolut zu Recht. Nach ein paar guten Gags (inklusive Seitenhiebe auf die Konkurrenz) und „ihr kennt die Situation“-Anekdoten, bei denen das Publikum kollektiv mit dem Kopf nickt und sich denkt „Endlich spricht es mal einer aus“, kommt Lindner zum Thema Bildung. Es ist, in Kombination mit Digitalisierung, sein Steckenpferd, sein Lieblingsthema. Er holt weit aus, kritisiert Merkel und Schulz, dass dieses wichtige Thema im TV-Duell zu kurz kam. Ich stimme zu.

Er stellt die Bildungs- und Verwaltungslandschaft wiederholt als marode, zu bürokratisch und rückständig (besonders in Sachen Digitales) dar. Ohne den Willen auf einer kleinen, sich anbahnenden Welle Populismus mitzureiten, würgt er einige Applausgeber ab und liefert prompt seine Lösung: Dem Bund mehr Mitspracherecht geben. Nun applaudiere ich mit. Aus Respekt, aber auch aus Überzeugung: Als jemand, der in Niedersachsen Abitur gemacht hat und mit Abiturienten aus NRW oder Berlin um die knappen Studienplätze gebuhlt hat, kommt mir das entgegen. Ein bundesweites Zentralabitur, das wäre zum Beispiel eine schöne Sache. Schließlich gilt ja der Numerus Clausus auch für alle, unabhängig wo und mit wie vielen Leistungskursen auf welchem Niveau man seine Hochschulzulassung erworben hat.

Kritikfähigkeit

Lindner hatte einige Gegner seiner Politik, die deutlich als Demonstranten erkennbar waren, dazu eingeladen, im Anschluss an seine Rede ihre Kritik vorzubringen. Es waren Studierende, die gegen die Einführung von Studiengebühren protestierten. Die FDP will Studiengebühren für nicht-EU Ausländer einführen (nach dem Badenwürttemberger Modell) . Die Rede ist von 1500€ pro Semester. Die Studis kritisieren, dass an den Universitäten Ungleichheit infolge dessen entstehe, dass der Universitätsbetrieb von Vielfalt lebe und die Einführung von Gebühren Studierende aus besagten Regionen davon abhalten würde, hierzulande zu studieren. Wenig Applaus für die Hochschüler, die mit „Freie Bildung“ Schildern etwas bedröppelt vor der Bühne stehen.

Linder geht auf die Kritik ein, führt das Argument an, dass Deutschland als „beinahe einziges Land auf der Welt“ kostenlose Bildung für alle anbiete und dass sein Vorhaben, die Digitalisierung im Bildungssektor voranzutreiben ja von irgendetwas finanziert werden müsse. Natürlich würde es keine Flüchtlinge, keine Türken, keine Armen treffen. Er spricht vom „Chinesischen Millionärssohn“, dem die 3000 Euro pro Jahr ja nicht wehtun würde. Unser Bildungssystem auf Kosten von reichen Chinesen modernisieren, die es überhaupt nicht im Portmonee merken? Was für ein genialer Schachzug, denkt sich die Menge und beginnt lautstark zu jubeln. Die handvoll Studis verlässt sichtlich frustriert den Saal, in dem immer noch ein paar hundert Menschen sitzen und Linder bei seinen Ausführungen zuhören. Er rechnet vor, dass so im Jahr ungefähr 100 Millionen Euro zusammen kämen, die ausschließlich in Bildungsprojekte gesteckt würden.

Doch hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Auf der einen Seite fordert die FDP, Bildung vermehrt in die Hände des Bundes zu legen, um dann eine Regelung im Koalitionsvertrag NRW durchsetzen zu wollen, die weitreichenden Einfluss auf die Hochschullandschaft in diesem einen Bundesland haben wird. Was hält den chinesischen Millionärssohn (bestimmt kommen auch viele Töchter von arabischen Öl-Scheichs) davon ab, einfach in eins der 14 anderen Bundesländer zu gehen, in denen sie keine Gebühren zahlen müssen? Stichwort Braindrain. Oder schätzt man in ganz China und den Vereinten Arabischen Emiraten ausgerechnet die Hochschullandschaft in NRW so sehr, dass man gerne bereit ist dafür zu zahlen? Ich bin mir da ehrlich gesagt nicht sicher.

Digitalisierung an Hochschulen – es gibt sie schon

Wenn Lindner von Hochschulen spricht, denkt man manchmal, er würde ein afghanisches Dorf beschreiben, so runtergekommen und rückständig müsse es aussehen. Doch das ist falsch: Die Digitalisierung ist längst an den Universitäten angekommen. Ich weiß das, denn ich bin seit Jahren Student. Ich habe die Einführung des „eduroams“ erlebt, dem Netzwerk, mit dem man an nahezu jeder Universität weltweit Internetzugang hat. Egal in welcher Stadt und in welchem Land ich bin, wenn ich an einer Uni vorbeigehe, verbindet sich mein WLAN automatisch. Man stelle sich dieses Prinzip für alle öffentlichen Gebäude, für öffentliche Verkehrsmittel oder Supermärkte vor. Das ist die Innovation, die wir brauchen, wenn wir über Digitalisierung sprechen. Solche konkreten Vorschläge liefert Lindner leider nicht. Er bemängelt nur wiederholt die schlechte Ausstattung der Hochschulen. Dabei sehe ich auch die nicht.

Ich studiere Medienwissenschaften an der Uni Bielefeld und muss sagen: Die Ausstattung an meiner Uni ist gut. Okay, wir befinden uns in einer mehrjährigen Umbauphase und irgendwie studiere ich gerade in einer Baustelle, die von EU-Mitteln finanziert wird. Aber wir haben viele PCs in der Bib, einen riesengroßen Digitalkatalog an Artikeln, Zeitschriften, Büchern. Wir nutzen elektronische Lernräume. Von der Stundenplangestaltung bis zur Abgabe von Studienarbeiten läuft alles online. Und es gibt gerade in meinem Fachbereich verdammt viele elektronische Geräte, die man sich leihen kann. Von Diktiergeräten, über Analog- und Digitalkameras, bin hin zur Nutzung von leistungsstarken Computern mit professioneller Bild- Ton- und Videobearbeitungssoftware kann man sich als Studi bei uns austoben. Lange Wartezeiten bei der Reservierung eines Schnittraums? Fehlanzeige. Brauchen wir also wirklich so dringend Investitionen? Natürlich muss ein gewisser Standard eingehalten werden, regelmäßige Zahlungen für aktuelle Hard- und Software sind also ein Muss, das sehe ich ein. Aber bringt es uns wirklich einen Mehrwert, wenn jeder Hörsaal mit einem 4k Beamer ausgestattet wird? Brauchen wir mehr Whiteboards? Vielleicht ein paar Roboterdozenten?

So eine fancy Ausstattung nach US-Amerikanischem Elite-Uni Vorbild wäre bestimmt cool, aber ich weiß nicht recht, wie das unser Bildungsniveau steigern sollte und ob es nicht effektivere, günstigere Maßnahmen gäbe. Denn Bildung wird nicht nur durch High-Tech vermittelt.

Was ist gute Bildung?

Was Bildung ausmacht ist nicht (nur) der Stand der Digitalisierung. Was Bildung ausmacht ist der freie Zugang zu Lernmitteln (Stichwort VG-Wort Hochschulstreit). Was Bildung ausmacht ist die Möglichkeit über den Tellerrand zu blicken (Module wie „individuelle Ergänzung“ oder auch Interdisziplinarität – und zwar international). Was unser Bildungsniveau wirklich anheben würde, wäre eine Abkehr von dem Irrglauben, Hochschulen müssten für den Arbeitsmarkt geschliffene Absolventen produzieren. Der Dipl.-Ing. war bis zur Einführung von Bologna unser Exportschlager in Sachen Bildung. Noch heute werben deutsche Automobilkonzerne in den USA mit dem Keyword „german engeneering“, auch wenn man hierzulande seit Jahren von Dipl.-Ings hört, dass der akademische Bachelor-Nachwuchs kein Stück auf den eigentlichen Job vorbereitet ist. Und das denken übrigens auch die Studierenden selbst. Ohne Master bist du nichts, und Masterplätze sind rar. Das verursacht zusätzlichen Druck.

Wir haben die Studiengänge durch die Modularisierung immer stärker vereinheitlicht, obwohl die Jobs gleichzeitig immer vielfältiger wurden. Und genau das ist der Punkt, an dem man meiner Meinung nach ansetzen muss: Lasst die Leute doch individuell sein! Ihr Studium abseits von Pflichtmodulen und Regelstudienzeit gestalten, neue – eigene – Spezialisierungen finden. Und das weiß auch Herr Lindner. Seine stärkste Aussage heute: Wir bereiten in diesem Augenblick Schülerinnen und Schüler in unseren Bildungseinrichtungen auf Berufe vor, die es in einigen Jahren wahrscheinlich gar nicht mehr geben wird. Umgekehrt haben wir keine Ahnung, was für Jobs unseren Arbeitsmarkt in ein paar Jahren prägen. Aber diese unbekannten Jobs schafft nicht die Politik, sondern eben jene, die von der Arbeitsmarktumstellung betroffen sind: Schüler*innen, Auszubildende und eben Studierende. Wo die Liberalen doch immer so von Deregulierung schwärmen: Warum nicht bei der Gestaltung von Bildung damit anfangen? Den Bund die notwendigen Standards festlegen lassen, den Bildungseinrichtungen die Mittel zur Verfügung stellen, und einen Konsens mit den Lernwilligen suchen, der die Rahmenbedingungen regelt. Mitbestimmung von Schülern, Auszubildenden und Studierenden. Das wäre mal eine Bildungspolitik, die sich gewaschen hätte. Und für diesen Ansatz bräuchte man die Millionärssohnmoneten nicht mal.

Wohin also investieren?

Wenn wir wirklich ordentlich Geld in Bildung investieren wollen, wenn das alles kein übliches Wahlkampfgelaber ist (man hört es ja alle Jahre wieder, und zwar von jeder Partei), dann nenne ich gerne eine Stelle, die die Kohle wirklich braucht: Hauptschulen.

Seit 6 Jahren bin ich nun in der Bildungsarbeit aktiv und die ersten 3 davon war ich an sogenannten Brennpunktschulen unterwegs. An diesen Schulen zeichnet sich ein Bild der Resignation: Der Großteil spricht nur wenig oder kein deutsch, die wenigen deutschen sehen keine Perspektive, weil sich Medien und Politik zum einen überwiegend mit den Hochschulen befassen und die Eltern zum anderen häufig selbst keinen hohen Bildungsstand vorweisen können. Es sind die wahren Verlierer des Systems, die sich allein gelassen fühlen und nebenbei ganz klassisch in die Armut sozialisiert werden: Mama und Papa (vorausgesetzt beide sind vorhanden) arbeiten ja auch nicht und kommen über die Runden, warum sollte ich mich anstrengen? An einer der Hauptschulen hatten 98% der Schüler*innen einen Migrationshintergrund, drei von vier kamen aus Haushalten mit Hartz-IV. DAS sind diejenigen, die Unterstützung brauchen und zwar politisch, wie finanziell. Ihnen muss man zeigen, dass ein hoher Bildungsstand nicht nur vollere Taschen, sondern auch Selbsterfüllung bedeutet. Zugegeben: Natürlich ist auch der Wissenschaftsbetrieb förderungsbedürftig, gerade was Stellen für Nachwuchswissenschaftler angeht. Jeder, der mal mit einem Doktoranden gesprochen hat, weiß das.

Doch bevor wir uns durch die Besteuerung von nicht-EU Ausländern 4k Beamer in die Seminarräume holen, sollten wir zunächst an die denken, die es wirklich nötig haben gefördert zu werden.

Ich muss sagen, dass es (wieder) Spaß gemacht hat Herrn Lindner zuzuhören. Dass die angesprochenen Probleme vielfach einen Nerv bei mir getroffen haben. Auch, wenn mich die Lösungsansätze (wieder) nicht überzeugen konnten. Ich bleibe also – auch nach diesem Wahlkampfauftritt – ein unentschlossener Wähler.

Ein Gedanke zu „Was ist eigentlich gute Bildung?

  1. Jan Antworten

    Guter Artikel! Ich wähle diesmal FDP, weil zumindest frische Lösungen versuchen wollen – und Politiker haben, die nicht im Rentenalter sind und ein Smartphone ohne Hilfe bedienen können.

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